Elternabend in Hüttwilen: Geschichten, die verbinden
Am Donnerstagabend, 4. September 2025, fand an der Primarschule Hüttwilen der Elternabend für die Eltern der Kinder vom Kindergarten bis zur 3. Klasse statt. Die Eltern der älteren Jahrgänge hatten ihren Anlass bereits zuvor. Für die Eltern der jüngeren Kinder stand zwischen den Informationen aus den Klassen ein besonderer Programmpunkt auf dem Plan: ein Kurzvortrag von Marianne Sax über die Bedeutung des Vorlesens.
Ein lebendiger Start ins neue Schuljahr
Schulleiter Sandro Bauer konnte in seiner Begrüssung erfreut verkünden, dass in Hüttwilen insgesamt 103 Kinder ins neue Schuljahr gestartet sind, darunter 16 im Kindergarten. Neben organisatorischen Hinweisen – etwa, dass die Eltern ihre Angaben auf der Plattform Escola aktuell halten sollten und dass Handys und Smartwatches im Schulalltag nichts verloren haben – gab er auch einen Ausblick: Im Laufe des Jahres wird die Schule ein Musicalprojekt auf die Beine stellen, auf dessen Aufführung zum Schulschluss sich die Eltern bereits heute freuen dürfen.
Der eigentliche Kern der Elternabende liegt natürlich in den Klassenzimmern, wo die Lehrpersonen Einblick in ihren Unterricht geben und das Zusammenspiel mit den Eltern pflegen. Der gemeinsame Teil bot in diesem Jahr aber einen zusätzlichen Akzent, der weit über den Schulalltag hinausreicht.
Marianne Sax: Vorlesen als kulturelles Kapital
Die Frauenfelder Buchhändlerin Marianne Sax, seit Jahrzehnten eine prägende Stimme für Literatur und Lesekultur, sprach über die Kraft des Vorlesens. Ausgangspunkt waren Studien wie der deutsche «Vorlesemonitor», die klar zeigen: Tägliches Vorlesen ist ein unschätzbares Startkapital für Kinder.
Sie betonte, dass Vorlesen nicht nur Sprachkompetenz stärkt, sondern auch soziale Wirkung hat. Kinder, denen regelmässig vorgelesen wird, schneiden schulisch besser ab – unabhängig vom Bildungsstand der Eltern. Sie gelten als zuverlässiger, sind beliebter bei ihren Mitschülern und knüpfen leichter Freundschaften.
Doch Sax liess es nicht bei den nüchternen Zahlen. Sie sprach mit Herzblut von den persönlichen Erfahrungen als Mutter, Vorleserin und Buchhändlerin. Vorgelesene Geschichten seien «wie gemeinsam Erlebtes» – ein Band zwischen Eltern und Kindern, das noch Jahre später wirkt. Geschichten seien Teil unseres kulturellen Gedächtnisses. «Ob Schneewittchen, Wilhelm Tell oder Ronja Räubertochter – Geschichten verbinden uns über Generationen hinweg», erklärte sie.
Geschichten gegen die Leere der Bildschirme
Sax ging auch auf die Konkurrenz durch digitale Medien ein. Smartphones und Tablets böten zwar Geschichten in Form von Hörbüchern oder E-Books, doch eines könnten sie nie ersetzen: die Nähe beim gemeinsamen Lesen. «Den Kuschelfaktor, das Zuklappen des Buches, die Erinnerung an gemeinsame Stunden im Regal – das alles bleibt unersetzlich», sagte sie. Geschichten seien keine «leeren Kalorien», sondern Nahrung für Geist und Herz.
Sie ermutigte Eltern, die Kinder ruhig auch 1000-mal dieselbe Lieblingsgeschichte hören zu lassen – Wiederholung schaffe Sicherheit und ermögliche Wachstum. Und sie machte Mut, Geschichten auch dann weiter vorzulesen, wenn Kinder bereits selbst lesen können oder wenn die Themen ernster werden. Denn gute Geschichten bieten auch Trost und Orientierung in schwierigen Lebenssituationen.
Bibliotheken, Buchhandlungen und Familientraditionen
Am Ende richtete Sax einen klaren Appell an Eltern und Schule: Bücher sollen allgegenwärtig sein. Schulbibliotheken müssten Orte zum Wohlfühlen werden, in denen Kinder stöbern und ihre Neugier entfalten können – auch unbeaufsichtigt. Buchhandlungen böten Inspiration und Begegnungen. Und nicht zuletzt sei es wichtig, dass Kinder eigene Bücher besitzen, die sie hegen und wiederlesen.
Besonders eindrücklich war ihre persönliche Schilderung: Als ihr erwachsener Sohn seiner Partnerin die alten Bilderbücher seiner Kindheit zeigte, sei ihr bewusst geworden, dass Bücher Familientraditionen stiften, die ein Leben lang tragen.
Ein Thema, das bleibt
Auch wenn der Elternabend für die Klassen 4 bis 6 an einem anderen Datum stattfand und andere Schwerpunkte setzte: Das Thema Vorlesen endet nicht mit der 3. Klasse. Geschichten bleiben für Kinder auch in späteren Jahren wichtig – sei es als Leseübung, als kultureller Schatz oder als Gesprächsanlass innerhalb der Familie.
Die Botschaft des Abends war klar: Vorlesen ist keine Nebensache, sondern eine Investition ins Leben der Kinder. Eine Investition, die Schule, Elternhaus und Gesellschaft gemeinsam tragen können – und sollten.
